Wie der Bauch den Kopf bestimmt: Das "zweite" Gehirn

Aktualisiert: März 2018

Die Forschung über das „zweite Gehirn“ im Körper ist ein neues Forschungsgebiet,  das immer mehr Wissenschaftler in seinen Bann zieht. Diese Forschungsrichtung  nennt sich Neurogastroenterologie, und die auf diesem Gebiet forschenden  Neurowissenschaftler untersuchen den Darm auf Verbindungen zu unserem Gehirn und auf den faszinierenden Aspekt, ob und inwieweit dieses zweite Gehirn autonom arbeitet. Zu den herausragenden Forschern dieser Disziplin gehören Michael Gershon aus den USA, einer der weltweit führenden Neurowissenschaftler, ausserdem die Professoren Michael Schemann, Deutschland, und Emeran Mayer, USA, ebenso wie die bekannten Gehirnforscher Marcello Costa aus Australien und Antonio Damasio, ebenfalls USA.

Der Bauch – ein Universum im Zentrum des Leibes

Unser Bauch wird tatsächlich, und darüber besteht grosse Einigkeit in der Forschung,  beherrscht von einem zweiten Gehirn. Mehr als 100 Millionen Nervenzellen umhüllen den Verdauungstrakt – mehr, als im Rückenmark vorhanden sind! Dieses „enterische Nervensystem“ stellt sich für immer mehr Wissenschaftler als ein ausserordentlich komplexes Forschungsgebiet dar: Sie versprechen sich davon Erkenntnisse, die das bisher bekannte Menschenbild verändern könnten. Denn dieses „Bauchhirn“ produziert Nervenbotenstoffe und reagiert auf Psychodrogen. Es arbeitet ganz offenbar autonom und sendet viel mehr Signale zum Kopfhirn, als es von dort empfängt. Hinter dem Magenausgang übernimmt also ein anderes Organ die Regie: Was wann und wo dort passiert, entscheidet das Bauchhirn. Erst zum Schluss, gleichsam am letzten Ende der „Befehlskette“, an Rektum und Anus, regiert das menschliche Gehirn wieder mit bewusster Steuerung mit. Damit ist klar: Das Denkorgan im Bauch ist ein unabhängiger Geist im Körper und zugleich ein vibrierendes, „modernes“, Daten verarbeitendes Zentrum.

Machtzentrum in der Körpermitte

Vor allem deshalb ist es bis heute ein äusserst schwieriges Unterfangen, Gedärme zu transplantieren. Die grosse Anzahl fremder Nerven- und Immunzellen, die mit dem Spenderorgan übertragen werden, ordnen sich dem Organismus des Empfängers besonders schwer unter. Aus diesem Grund befürchten Mediziner neben  gravierenden Abstossungsreaktionen auch psychische Irritationen.

Denn das Darmhirn hat Macht. Es kann die Daten seiner Sensoren selbst generieren und verarbeiten, und es kontrolliert ein ganzes Set von Reaktionen. Es gibt den Nachbarorganen Anweisungen, es koordiniert die Infektabwehr und die Muskelbewegung; dabei muss es immer wieder aufs Neue schnell entscheiden und gespeichertes Wissen abrufen. Es ist funktionell organisiert und arbeitet in Kreisläufen. Und es ist in der Lage, unterschiedliche Zustände zu registrieren und darauf zu reagieren. Mit anderen Worten: Das zweite Gehirn hat alles, was ein integratives Nervensystem braucht.

Warum aber ist es so, dass 90% der Verbindungen von unten nach oben verlaufen und nicht umgekehrt, wie man meinen könnte? Aus dem einen Grund: Weil sie wichtiger sind als die von oben nach unten. Experimente legen nahe, dass ausser bewussten Alarmsignalen wie z.B. Brechreiz vor allem unbewusste Botschaften in die Zentrale im Schädel eingespeist werden. Die ungeheure Fülle dieser unbewussten Signale vom Bauch zum Hirn ist von höchster biologischer Bedeutung. Denn das Bauchhirn kann erkranken und eigene Neurosen entwickeln, es fühlt und denkt mit, es erinnert sich, und es lässt uns intuitiv entscheiden, eben „aus dem Bauch heraus“, wie es die bekannte Redewendung anschaulich beschreibt.

Wenn uns etwas auf den Magen schlägt

Geahnt haben sie es immer, die Menschen aller Kontinente und Kulturen: Der Sitz der Gefühle findet sich im Zentrum des Körpers. Also dort, wo Schmetterlinge flattern, wo Freude, Glück, aber auch Aufregung leise kribbeln. Wo das Übel der Überforderung sich offenbart, wo Anspannung auf den Darm drückt, Ärger auf den Magen schlägt, Angst ein Beben erzeugt und Ekel sich bis zum Erbrechen steigert. Werden Menschen gefragt, wo Gefühl und Gesundheit, Emotion und Intuition, Wohlbehagen und Leidenschaft am besten zu orten sind, zeigen sie, gleich welcher Herkunft oder Hautfarbe, auf die Mitte ihres Körpers. Auch wenn es sich wie ein Sakrileg anhört: Dieses zweite Gehirn, so haben Neurowissenschaftler herausgefunden, ist quasi ein Abbild des Kopfhirns – Zelltypen, Wirkstoffe und Rezeptoren sind exakt gleich.

Seit Urzeiten meditieren sich ganze Völker in jenes Zentrum hinein, um Gelassenheit und Weisheit zu finden. Und nun gibt die Wissenschaft ihnen Recht.

In einem sind sich alle einig: Die grösste Ansammlung von Nervenzellen ausserhalb des Kopfes erledigt viel mehr als die an sich schon hochkomplexe Verdauungsarbeit. Das zweite Gehirn ist ein Überlebensgarant für Leib und Seele: Eine Quelle psychoaktiver Substanzen, die mit unterschiedlichen Gemütslagen in Beziehung stehen – etwa Serotonin, Dopamin, Opiate. Auch Benzodiazepine werden hier produziert, jene Chemikalien, die Drogen wie Valium ihre beruhigende Wirkung geben. Nach vielen Experimenten erlaubt die Datenlage nur eine einzige Interpretation: 95% dieser Substanzen werden im Darm synthetisiert und gelagert. Spezielle Nervenzellen senden sie als den Botenstoff aus, der unter anderem den peristaltischen Reflex in Gang setzt. Das Bauchhirn ist, bildlich gesprochen, eine riesige Chemiefabrik, die mindestens 40 Nervenbotenstoffe produziert und exakt reguliert. Diese Moleküle sind wie Worte in der komplizierten Sprache der Nervenzellen. Und – sie sprechen zu uns.

Gehirnnahrung aus dem Bauch

Der Bauch nährt das Gehirn im Schädel also auf vielerlei Weise. Die Aufteilung der „grauen Masse“ erfolgt bereits im werdenden Embryo: Bei der Ausbildung von Neuralrohr und -leiste wird ein Teil der Nervenzellen vom Kopf eingeschlossen, der andere wandert in den Bauchraum. Die Verbindung zwischen diesen nahen Verwandten, eine Art Standleitung, bilden das Rückenmark und der Vagusnerv. Mitte des 19. Jahrhunderts entdeckte der deutsche Nervenarzt Leopold Auerbach im Mikroskop sozusagen den Herrscher über ein Binnenuniversum des Menschen: Die Schaltzentrale der Verdauungsmaschinerie, die aus sensorischen Neuronen besteht, also aus Interneuronen und Motoneuronen – ein komplexes Netzwerk, das nicht nur grobe Grössen wie Nährstoffzusammensetzung, Salzgehalt und Wasseranteil analysiert und ausserdem Absorptions- und Ausscheidungsmechanismen koordiniert. Sondern auch die fein austarierten Gleichgewichte aus hemmenden und erregenden Nervenbotenstoffen, aus stimulierenden Hormonen und schützenden Sekreten kontrolliert. Die Schaltzentrale im Bauch organisiert auch den Kampf gegen schlimmste Invasoren und ist somit das grösste Immunorgan im Körper, in dem mehr als 70% aller Abwehrzellen sitzen.

(Lesen Sie hierzu auch „Das Geheimnis der Verdauung“.)

Vieles davon läuft völlig unabhängig vom Kopf ab. Gelangen allerdings Gifte in den Körper, fühlt das Darmhirn die Gefahr zuerst und schickt sofort Alarmsignale ins Gehirn. Denn in Notsituationen soll das Gehirn bereit sein.

Zwei, die sich verstehen: Bauch und Gehirn.

Michael Gershon, der bereits erwähnte führende amerikanische Neurowissenschaftler, spricht von nicht weniger als von „neuen Horizonten“. Es sei so „verlockend“, sagt er, und meint damit die Entschlüsselung der innigen Kommunikation zwischen den beiden Gehirnen; aussagekräftige Indizien für eine enge Verbundenheit von Bauch und Kopf gebe es genug. Man kann es auch so sagen: Da sprechen zwei die gleiche Sprache! Was dem Hirn geschieht, bleibt dem Bauch nicht verborgen. Bei Alzheimer- und Parkinson-Patienten findet sich häufig der gleiche Typ von Gewebeschäden im Kopf wie im peripheren Hirn des Bauchs. Und der identische Zell- und Molekülaufbau erklärt einleuchtend, warum psychiatrische Medikamente für den Kopf auch auf den Darm wirken.

Wie kann eine so wichtige Schutzbarriere des Darms fallen? Ungezügelte Stress- Kreisläufe, eine Ernährung mit vielen Milchprodukten, mit Rindfleisch, Zucker, weissem Mehl, Dosenkost und anderen minderwertigen Dingen, Impfungen, Nanopartikel und das Kochen mit Mikrowellen führt zum Chaos im täglichen Leben und zur physischen, geistigen und spirituellen Stagnation.
Ein Universelles Gesetz lautet:
Alles, dem wir Aufmerksamkeit schenken, wird dadurch zu unserer Wahrheit. Aufgrund des Gesetzes der Anziehung kann es nicht anders sein. Für uns gilt, wie für alle Menschen: Unser Leben ist ein Spiegelbild der Gedanken, mit denen wir uns vorwiegend beschäftigen. Von dieser Regel gibt es keine Ausnahme.

Wenn die Zentrale im Kopf bewusst oder unbewusst die Lasten von Anspannung und Furcht wahrnimmt, dann ruft sie den Satelliten im Bauch über spezialisierte Immunzellen im Darm zu Hilfe. Diese Zellen schütten Entzündungsstoffe wie Histamin aus, die bestimmte Nervenzellen im Verdauungsrohr sensibilisieren und aktivieren. Diese schliesslich veranlassen Muskelzellen, sich zu kontrahieren. Krämpfe oder Durchfall sind die Folge. Die allgemeine Alarmstimmung im Darmhirn wiederum wird dem Kopfhirn mitgeteilt, und das funkt zurück nach unten. Und so weiter – einer von Tausenden Zirkeln, die vor allem bei Dauerangst und Stress chronisch werden können. Der fortwährende Beschuss mit Stress-Chemikalien kann sogar zu Zellzerstörungen im Gehirn führen. Die Endstation ist eine messbare Abnahme des Volumens bestimmter Regionen im limbischen System und im Frontalhirn; ein Phänomen, das auch bei manchen depressiven Menschen nachzuweisen ist. Emotionen sind demnach nichts anderes als die Quintessenz unserer Lebenserfahrungen – im Körper niedergeschrieben und vor allem in Bauchreaktionen chiffriert und gespeichert. Mit anderen Worten: Der Bauch macht die Stimmung. Eine gute körperlich-geistige- Gesundheit zu erreichen bedeutet also, eine optimale Wechselwirkung der zwei aufs Engste verschalteten Gehirne zu bewirken.

Im Bett der Gefühle. Bei Tag und bei Nacht.

In jeder Minute des Lebens wird im Gehirn ein Gefühlsbett bereitet – auch in der Nacht, wenn die Träume zu ihrem Recht kommen. Erzeugt das Darmhirn während der Tiefschlafphasen eher sanfte, rhythmische Wellenbewegungen, beginnen die Innereien während der traumreichen REM-Phasen des Schlafs aufgeregt zu zucken. Die intensive Stimulierung der Eingeweide und ihrer Serotoninzellen erfolgt parallel zu den nächtlichen Bildern im Kopf.

Früher Lebensstress ist eingebrannt im Gehirn wie im Bauch – und bestimmt die Sensibilität der Darm-Hirn-Achse für das ganze Leben. Das Bauchhirn lernt jung am besten. Denn wie das Kopfhirn reift es nach der Geburt weiter; es ist für mindestens drei Jahre plastisch und entwickelt sich in dieser Zeit kontinuierlich weiter. Unsere Evolution, davon sind viele Wissenschaftler überzeugt, ist auch deshalb so erfolgreich, weil Emotionen – ob negativ oder positiv – es uns erlauben, die besseren Entscheidungen zu treffen.

In einem aber sind sich alle Bauchhirn-Experten vollkommen einig: Es gibt sie wirklich – die Weisheit des Bauches.